Die Gedanken sind frei.

 

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     C.H.
     L.K.






Genesis


Werte L.,

 

Ihrem Wunsch gemäß beginne ich diesen offenen Meinungs- und Gedankenaustausch; wie es meiner Art entspricht in der festen Absicht, viel und oft zu schreiben, und dabei wohl vor keinem Thema Halt zu machen, welches mich zur jeweiligen Zeit beschäftigt. Grenze soll mir allein meine eigene Faulheit sein, die, so manches Mal grenzenlos, mich doch möglichst nicht allzu oft hierbei überwältigen möge.

Seid Euch auch versichert, dass ich nicht zu jedem meiner schwergeistigen Ergüsse, zu jeder meiner utopischen Ideen, und vor Allem nicht zu jedem scharfzüngigen Sarkasmus, welche ich hier zu begehen gedenke, eine Äußerung, eine Reaktion oder eine Stellungnahme von Euch erwarte. Oft wird getretener Quark nur breiter, und nicht fester, so dass ich sicher auch nicht enttäuscht verzweifeln werde, solltet Ihr einmal nicht mit dem Antworten hinterherkommen oder Euch gänzlich anderen Themen widmen.

 

Ich unterteile Themen gern in Dinge, die mich langfristig beschäftigen und Bereiche, die dem - mehr oder weniger - aktuellen Tagesgeschehen entsprechen. Aufgrund der deutlich geringeren Halbwertzeit von Letzterem, beginne ich besser mit dem Kurzlebigem.

 

Aktuell, in dieser Woche, beschäftigt dieses Land offenkundig insbesondere die Begehung der Feierlichkeiten zum 20jährigen Jubiläum des "Falls der Mauer". Wohlgemerkt nicht der deutschen Einheit, was allzu oft in einer Gemengelage aus Unkenntnis und Leichtfertigkeit vermischt wird. Vieles wird von offizieller Seite, sei es aus den Mündern von Politikern, sei es in der Presse, zu diesem Thema gesagt, so dass es an und für sich keines weiteren Kommentares meinerseits hierzu bedarf. Dennoch möchte ich Gelegenheit und Zeitpunkt nutzen, um meine persönlichen drei kleinen Anekdoten zu diesem Thema nieder zu schreiben. Auch hier sei bemerkt, dass es sich mitnichten um meine gesammelten Eindrücke eines Aufwachsens im Schatten der Berliner Mauer handelt - es sind lediglich jene drei Geschichten, die für mich einen wichtigen Bezug zum Thema Mauerfall darstellen.

 

Ich muß so 12 Jahre alt gewesen sein, was bedeuten muss, dass es 1988 war, als ich von meinen Eltern zu einem dieser spaßigen Ausflüge in den Ostteil der Stadt entführt wurde. Wir hatten dort Verwandte; ich habe nie die Familienverhältnisse verstanden. Mich interessierten nur meine beiden Großcousinen, Jenny und Nadine. Da es sich um Großcousinen handelt, könnt Ihr Euch meinen Verwandtschaftsgrad zu den Eltern selbst wohl besser ausrechnen, als ich es je vermochte; ich habe da kapituliert. Jedenfalls wurde entgegen meinem kapitalistischen Veto familienintern mit einer 2/3-Mehrheit beschlossen, dass mein gesammeltes Playmobil-Spielzeug an meine Großcousinen verschenkt werden sollte. Wie bei solchen Transferleistungen im Rahmen der Entwicklungshilfe üblich, war Einiges an innenpolitischer Überzeugungsarbeit notwendig, um mich schließlich zu überzeugen - zumindest bis zu einem Grad, der mich davon abhielt, kriegerische Verhaltensmuster anzunehmen. Nach dem üblichen Warten an der Passkontrolle - es dauerte viele Jahre noch, bis ich realisierte, dass dieses Procedere zwar für mich normal war, für meine Eltern jedoch immer ein bedrohlicher Moment blieb -, fuhren wir über den Grenzübergang Bornholmer Straße vom Wedding in den Prenzlauer Berg und Richtung Ahrensfelde. Wie immer in meiner rückwärtigen Wahrnehmung war es ein trüber, regnerischer Tag, es war dunkel, kalt, naß und unangenehm, und die matten Gaslaternen mit ihrem gelblichen Schimmer, die für mich untrennbar mit dem Osten verbunden sind, leisteten wenig Beistand. Ich verbrachte einen herrlichen, wenn auch viel zu kurzen Nachmittag mit meinen Großcousinen - und verliebte mich schwer in die zierliche, brünette Nadine. Wahrscheinlich, in der Nachbetrachtung, war dies das erste Mädchen, zu dem ich bewußt irgendeine Form von Körperkontakt herstellte: das Höchstmaß der Erotik gipfelte freilich im gegenseitigen Abkitzeln, aber, bitteschön, für mich war das damals eine orgiastische Erfüllung sondergleichen. Obwohl ich erst zarte 12 Jahre alt war, beschäftigte mich darüber hinaus aber vielmehr meine rein intuitive, da nicht durch Bildung oder Interesse vorgeprägte, Wahrnehmung der Gesamtsituation. Meine Mutter hatte damals eine Phase, in der sie praktisch nicht ohne Kaugummis anzutreffen war. Meine ganze Jugend ist im Prinzip geprägt durch den Geruch von Minzkaugummis, und lassen mich heut noch an die vielen Begrüßungs- und Verabschiedungsküsse mit meiner Mutter denken. Jedenfalls waren damals Hubba-Bubba ganz groß angesagt, und meine Mutter hatte - wohl nach vorheriger Rücksprache mit meiner Oma - eine Packung davon in den sozialistischen Osten geschmuggelt. Sehr zu meinem völligen Erstaunen konnte mein wertvolles Spielzeug - trotz aller Freude auch hierüber - nicht im Ansatz das leidenschaftliche Feuer in den Augen der Mädchen entfachen, welches beim Anblick der ausgehändigten Kaugummis dort aufloderte. Noch mit weit mehr Verblüffung musste ich dann noch Gewahr werden, wie meine Großcousinen EINEN Kaugummi aus der Verpackung holten, ihn sich abwechselnd in den Mund steckten, nicht etwa verschwenderisch kauten, sondern mehr vorsichtig daran saugten, und nach wenigen "Geschmacksproben" den angekauten Kaugummi für später wieder einpackten. Der Großteil meines kindlichen Verstandes hielt dieses Verhalten für vollkommen irre, lediglich ein kleiner Teil war aufmerksam und neugierig, was es damit auf sich hatte. Erst auf der Rückfahrt offenbarte meine Mutter ihrem äußerst schweigsamen Sohn, dass es Kaugummis so da drüben nicht gebe und dass es für meine Großcousinen in etwa so wäre, Kaugummis aus dem Westen zu haben, wie es für mich wäre, ein Originaltrikot der deutschen Nationalmannschaft zu tragen - mit Unterschriften versteht sich. Ich habe in dem folgenden Winter viel darüber nachdenken müssen, und viele Jahre später hat dies sicher zu einer tiefen Prägung meinerseits in der Wahrnehmung von Wertigkeiten beigetragen. Damit war dieser höchst bedeutsame Tag für mich jedoch noch lange nicht beendet. Selbstverständlich gehörte eine Einladung zum Essen seitens meiner Verwandten dazu, welches in einem Restaurant mit dem ganzen Charme eines Mitropa-Speisewagens durchgeführt wurde, und welches mich zu dem Genuss meines ersten und einzigen sozialistisch aufgewachsenen Broilers brachte. Schließlich war mein Großonkel (?) der Ansicht, sich für die reichlich mitgebrachten Gaben an mir revanchieren zu müssen. Ihm war konspirativ bekannt geworden, dass ich ein echter Fußballnarr war, und so wurde ich zu einem Intersportladen verbracht. Ich werde niemals den Anblick dieses Geschäfts, die Kopfsteinpflasterstraße davor, die Pfützen auf dem Asphalt vergessen. Wir betraten den Laden, und mein Großonkel sagte jene magischen Worte, die wohl jedes Oberschulmädchen in ihren Träumen von Richard Gere auf dem Hollywood Boulevard gerne hören möchte: Such Dir aus, was Du magst ! Leider hätte der Kontrast zu einem dieser Tempel in amerikanischen Filmen nicht größer sein können; die einzige Gemeinsamkeit lag wohl darin, dass ich in einer Edelboutique in den Staaten wahrscheinlich genau so begeistert auf die Warenauslage reagiert hätte, wie in diesem Sportgeschäft. Es war ein langgezogener Raum mit an den Wänden festgenagelten Holzregalen. Nach meiner Wahrnehmung befanden sich in dem gesamten Laden exakt 4 Gegenstände: ein paar Fußballschuhe, welche aus einer Ausgrabung stammen mochten; ein Wimpel der letzten Spartakiade, was auch immer das war; ein windschiefer Pokal aus Blech; und ein verbeulter, gelb-schwarzer Fußball, der mich auf groteske Art und Weise an einen verstrahlten Kürbis erinnerte. Mit einem Wort: in dem gesamten Laden gab es nichts, nicht einmal für einen habgierigen kleinen Wessi, was auch nur näherer Betrachtung wert gewesen wäre. Doch dann geschah etwas Seltsames, Etwas, worauf ich heute noch stolz bin und was ich als im Nachhinein ersten Schritt in eine gewisse "erwachsene" Reife betrachte: ich blickte in das Gesicht meines Großonkels, derin seiner Generösität breit strahlte, und danach in das Gesicht meines Vaters, der daneben stand und mich ernst und nachdenklich ansah, und mir wurden in diesem Moment zwei Dinge klar, mit meinen zarten 12 Jahren; zum Einen, dass der Wert, Etwas geschenkt zu bekommen nicht immer in dem Erhalt eines materiellen Zugewinns liegt, sondern dass das Annehmen eines Geschenks ebenfalls dazu dienen kann, dem Gebenden eine Freude zu machen. Zum Anderen wurde mir klar, dass in dieser Frage, wie ich angesichts der prachtvollen Produkte des Arbeiter- und Bauernstaats reagieren würde, eine quasi allumspannende politische Brisanz lag - hier stießen für mich kleinen Menschen zwei Systeme, praktisch die ganze Weltpolitik inklusive Kalter Krieg zusammen, hier, nicht auf Kuba, nicht in Afghanistan, nicht in Vietnam, nicht an der innerdeutschen Grenze, nein, hier, in einem Intersportladen irgendwo im Osten Berlins an diesem regnerischen Herbstabend, entschied sich für mich die Systemfrage. Ich zeigte nach kurzem Interesse heuchelnden Herumschauen auf den Fussball, hoppelte ein Bißchen hin und her, und fragte meinen Großonkel, ob ich den haben dürfe, oder ob das zu viel wäre. Natürlich kaufte mir mein Großonkel den Ball, und gleich noch den Wimpel dazu. Wohl das einzige Mal in meinem Leben, dass ich in den Genuß kam, von jemandem exakt 50 % des gesamten Warenbestandes eines Geschäfts gekauft zu bekommen. Mein Großonkel strahlte stolz bis über beide Ohren, aber viel wichtiger war mir, wie mich auf dem Weg zum Auto, den Ball in der einen, den Wimpel in der anderen Hand, im Inneren verwirrt, mein Vater kurz drückte und mir mit einem sehr stolzen Gesichtsausdruck zunickte. Ich habe mit meinem Vater nie darüber gesprochen, und wenn ich es täte, so würde er mit seinem Humor die Geschichte zu einer Komödie werden lassen. Für mich war es der erste Moment von Vielen in meinem Leben, wo man im Inneren weiß, dass man Etwas Gutes getan hat, etwas "richtig" gemacht hat, auch wenn man selbst nur ein ganz vages Gefühl davon hat, warum eigentlich. Ach, der gelbe Kürbis flog übrigens einige Jahre später beim Rumbolzen im Garten über den Nachbarszaun in feindliches Gebiet und wurde dort von einem patrouillierenden deutschen Schäferhund zerbissen. Gespenstische Symbolik. Auf dem Rückweg über die Bornholmer Brücke schwor ich vor meinen Eltern mit all der Bitternis und Entschlossenheit, die nur ein 12jähriger aufbringen kann, dass ich zurückkehren würde, um meine Nadine von dort drüben zu befreien. Das war ein Jahr vor der Grenzöffnung. Ich habe meine Großcousine seitdem nur einmal wiedergesehen, Jahre später.

 

Meine zweite sehr persönliche Geschichte zum Mauerfall spielt am Abend der berühmt-berüchtigten Pressekonferenz von Günter Schabowski.  Ich war nun 13, und es wäre vermessen, wenn ich sagen würde, dass ich zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Hauch Ahnung von Politik gehabt hätte, geschweige denn Interesse daran. Politisiert wurde ich erst durch die Ereignisse an diesem Abend und in der Folge - Ereignisse, die prägend wurden für Vieles in meinem Leben. Es war die Zeit, in der seit Wochen große Demonstrationen in Ostdeutschland stattfanden, eine Zeit, in der wir in Angst lebten im Westteil Berlins. Meine Eltern waren die meiste Zeit über still und schweigsam, ich konnte nicht verstehen warum, war aber davon angesteckt, erst viel später wußte ich, dass angesichts eines persönlichen Erlebens des Mauerbaus, angesichts des persönlichen Erlebens von Kubakrise, Prager Frühling, 17. Juni etc. für meine Eltern und viele Andere bedrückend klar war, welchem Risiko man in der Inselstadt West-Berlin ausgesetzt war, da niemand wußte, wie die DDR reagieren würde und was sich hier anbahnte. Ich war an diesem Abend in meinem Zimmer, spielte wieder einmal mit einem Tennisball und unter höchstem körperlichen Einsatz die letzten Bundesligaspiele nach, und genoß dabei meine neueste Errungenschaft im Kampf der Rebellion gegen meine Eltern; meinen eigenen Fernseher. Warum nun ausgerechnet ein Sender lief, der Nachrichten brachte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls sah ich auf einmal diesen zerknittert aussehenden Herrn, geduckt hinter seinem Tisch sitzen, und er las von einem zerknitterten Zettel irgendeine Botschaft ab. Ich verstand das Kauderwelsch nicht wirklich, aber ich hörte auf zu spielen. Ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll: irgendeine Antenne sprang in mir an und ich ahnte mehr, als dass ich es wissen konnte, dass dieses Kauderwelsch, gepaart mit der Tatsache, dass alle Fernsehsender nun ihr Programm unterbrachen, etwas sehr, sehr Wichtiges zu bedeuten hatte. Ich öffnete die Tür und ging hinunter ins Wohnzimmer. Vor dem Fernseher dort saßen meine Eltern, still, hielten sich an den Händen wie zwei verliebte Teenager und hatten Tränen in den Augen. Ich habe meine Eltern sehr, sehr selten weinen sehen; dies war das erste Mal - ein schockierendes Erlebnis für einen kleinen Jungen, der doch die ganze Überzeugung hat, dass Eltern nicht weinen, und wenn doch, dass dann etwas so unfassbar Katastrophales passiert sein musste, dass es die eigene Wahrnehmung übersteigen musste. Meine Eltern riefen mich dann zu sich, nahmen mich in die Mitte, und ich werde nie vergessen, wie mein Vater mich drückte und mit ganz leiser, belegter Stimme sagte: Junge, sei froh, dass Du so Etwas selbst miterlebt. Das ist Geschichte, die heute geschrieben wird.

 

Das dritte Erlebnis spielt zeitlich direkt an dem Samstag nach dieser Pressekonferenz. Das Höchstmaß an Selbständigkeit und Erwachsensein, was ich damals zu empfinden in der Lage war, bestand darin, dass ich mir angewöhnt hatte, jeden Samstag Vormittag mit etwas Taschengeld in die Altstadt zu fahren - allein ! -, um mir dort ein Computerspielmagazin und einen Döner zu kaufen, und dann stolz wie Oskar über die Ausweitung meines Machtbereichs nach Hause zu fahren, ganz der große Junge. An diesem Samstag, in hellem Sonnenschein, bei äußerst kalten Temperaturen, war der Bus bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war der 237er, der damals noch 63er hieß, und das war ein Bus, der um diese Zeit Samstags normalerweise von der Auslastung her gar nicht hätte fahren müssen. Der Bus war voll mit Leuten, und fast alle weinten. Sie zeigten überall hin und erzählten sich Dinge, die Sätze begannen immer mit "Damals war hier doch..."....Die Atmosphäre an diesem Tag war so...dicht, erhebend, prägend in jeder Form. Ich stolperte wie in Trance durch Berlin. Überall gab es Menschen, die sich am hellichten Tag umarmten und vor Freude weinten. Es gab Obststände auf den Straßen, und Wessis schenkten Ossis mit beiden Händen Bananen. All dies ging in wenigen Tagen vorüber, all dies wurde nicht zuletzt durch die Politik in der Folgezeit verschenkt, all dies, was an diesem Tag geschah, war für mich ein Blick in eine Welt, wie sie sein sollte. Ein Blick, den ich nie vergessen kann, und über den ich, trotz all der Wut über die Unzulänglichkeit des Menschen, sich glücklich zu machen, trotz aller eigenen Unzulänglichkeit, über den ich so glücklich bin, dass ich ihn erleben durfte.

 

Zu Etwas völlig Anderem, mehr Griffigerem:

 

Wie Ihr wißt, bin ich Jurist. Dazu gehört die tiefreifende Prägung aus Jahren der Indoktrination, dass die Justiz unabhängig, höchstmoralisch, in einer Demokratie frei und unbeeinflussbar, mit einem Wort: korrekt arbeitet. Oft wird hier eine scharfe Trennlinie zu totalitären Systemen wie dem Dritten Reich, der DDR, dem Ostblock an sich, Terrorstaaten (was auch immer das ist) und so manchem Entwicklungsland gezogen. Gerade in letzter Zeit, speziell in dieser Woche, muss man sich jedoch auch als Jurist fragen: wenn das einer der Kenpunkte der Unterscheidung zu solch "gerechtigkeitslosen" Unrechtssystemen ist: wo sind wir dann in der hoch gelobten westlichen Welt angekommen ? Der Spiegel wartet in der aktuellen Ausgabe mit einem beeindruckendem und zugleich verstörendem Artikel über die österreichische Justiz am Beispiel der "Aufarbeitung" des Gebirgsbahnunglücks von Kaprun auf; meinerseits ohne jeden Zweifel liegt hier jede Kardinalssünde vor, die die Justiz begehen kann: Rechtsbeugung, Vertuschung, Erpressbarkeit, Abhängigkeit. Das ganze Ausmaß wird erst klar, wenn man sich vor Augen hält, dass nicht nur die Justiz und selbstverständlich die Politik kräftig an diesem Skandal beteiligt sind, sondern vielmehr, dass selbst die österreichische Presse das Thema seit Jahren sehenden Auges totschweigt. Offensichtlich ist es einem ganzen, in der europäischen Union, sozusagen im "Heartland" der Gerechtigkeit (wenn man den Lobpreisungen an unsere Systeme glaubt) verankerten Staat wichtiger, im Interesse des florierenden Tourismus und selbstverständlich der eigenen Kasse zu handeln, als sich an die eigene Verfassung zu halten. Mag das bei Politikern rundheraus bei mir nicht auf Verwunderung stoßen, so entsetzt mich die offensichtliche, nicht einmal mit Cleverness vertuschte Dreistigkeit des/der beteiligten Richter und Oberstaatsanwälte.

Zeitgleich ist gestern in den USA der Massenmörder Muhammad hingerichtet worden, sein (zur Tatzeit 16jähriger) Komplize wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Bevor nun zu schnell geurteilt wird: ob ein Staat die Todesstrafe kennt oder nicht, soll hier nicht Thema sein. Hierzu kann man stehen, wie man will, auch wenn es dazu meinerseits auch jede Menge zu sagen gäbe. Ebenso soll hier meinerseits auch nicht diskutiert werden, ob die Verhängung einer lebenslangen Freiheitsstrafe für einen heute 17jährigen sinnvoll ist oder nicht. Viel erwähnenswerter ist Folgendes: Muhammad hat in Washington D.C. und Umgebung, im Bundesstaat Maryland, getötet. Dort wurde er nach meiner Kenntnis auch verhaftet. Der Bundesstaat Maryland kennt keine Todesstrafe. Wie geht das ? Nun: es wurde aufgrund der Schwere der Tat (Muhammad hatte wahllos immer wieder in der Öffentlichkeit Menschen mit einem Scharfschützengewehr getötet) entschieden, dass Muhammad in Virginia der Prozess gemacht werde, weil - Achtung, hinsetzen - in diesem Bundesstaat die Todesstrafe existiert. So. Man stelle sich nun noch Folgendes vor: rein staatsrechtlich handelt es sich bei den U.S.A. (wie der übersetzte Name "Vereinigte Staaten" schon impliziert) mitnichten um einen föderalen Staat im Sinne der Bundesrepublik, in dem einzelne Bundesländer insgesamt nur durch den Gesamtstaat eigene Staatsqualität haben. Klar, selbstverständlich kann man sich anhand der 3-Elementen-Lehre etc. trefflich darüber streiten, dass Bayern nicht doch ein eigenes Land ist, heißt ja auch FreiSTAAT. Dennoch, es besteht ein gewaltiger Unterschied, denn in den USA besteht eine Konföderation, eher im Sinne eines Staatenbunds, vergleichbar eher mit dem in ferner, ferner Zukunft wohl zu erwartendem Gesamtbild der EU. Heißt zum Beispiel, dass in den USA jeder Staat eigene Strafgesetze, eine eigene Steuergesetzgebung, theoretisch auch eigenes Militär haben kann, bzw. hat. Zieht man dies in Betracht und auch den Vergleich zur EU, so stelle man sich vor, dass ein deutscher Straftäter aus Gründen der Opportunität einfach in einem anderen europäischen Staat nach anderen Gesetzen verurteilt wird, weil dies eine höhere oder vielleicht auch in manch prominentem Fall eine niedrigere Strafe zur Folge hätte. Wirtschaftlich betrachtet eine tolle Sache; man könnte hier quasi einen völlig neuen Industriezweig aufbauen, den Handel mit Strafmaßen. Nach dem Motto: komm, ich helf Dir, dass auch der 14jährige Mehmet in Haft kommt, dafür sorgst Du dafür, dass der Helmut Kohl oder der Ackermann mit ner Ordnungswidrigkeit davon kommt. Mit Recht hat das natürlich nichts zu tun. Aber welche Lobby haben schon Recht und Gerechtigkeit ? Sicher, wahrscheinlich weiß ich viel zu wenig über das amerikanische Rechtssystem. Aber ich bilde mir ein, eine ganze Menge grundsätzliche Fragen dazu zu haben.

 

Zum Schluß, weil Ihr das in Eurer vorbereitenden Mail angesprochen habt, werte L.: nun, ich denke schon, dass ich - nicht zuletzt nach diesem Jahr - eine ganze Menge zum Thema innerer, persönlicher Wandlungen und damit verbundener Fragestellungen zu sagen hätte. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass ich mir anmaße kein Thema, keinen Bereich zu kennen, vor dem ich in dieser Hinsicht zurückschrecken würde, bzw. mit Unverständnis reagieren würde. Insofern, wenn Ihr hier einen Schritt zu einem Austausch wagen wollt, Teuerste, so bin ich gespannt, was Euch in diesen Tagen beschäftigt.

 

Ihr seht, an guten Tagen entströmt viel meiner digitalen Feder, und auch jetzt könnte ich wohl fortfahren, wenn mich die schiere Menge meiner Wort einerseits und der schmerzende Nacken andererseits nicht davon abhalten würden.

 

In freudiger Erwartung Eurer Antwort,

Euer C.H.

 

 

11.11.09 09:54


Von Mauern und Literaten

Geschätzter C.,

welch Genuss an diesen Euren Anekdoten teilhaben zu dürfen, zeichnen sie sich doch nicht nur durch einen gewissen geschichtshistorischen Wert aus, sondern auch durch eine Spitzfindigkeit sowohl im Bezug auf das menschliche Miteinander als auch auf die Scharfzüngigkeit derjenigen Tastatur, welcher sie entsprungen. Schließlich – auf diesem Wege versinnbildlichte bereits Lessing die Ironie und den gescheiten Hohn in den Worten Gonzagas – ist ein schöner Mund, der sich ein wenig spöttisch verziehet, nicht selten um ein Vielfaches noch schöner. Auch, so sagt der Prinz, müssen Augen diesen Spötter überwachen; drum will eine jede Geschichte, vom Autor selbst in Eigenreflexion mit Spöttelblick und Hohnmund vorgetragen, dadurch noch reicher gekleidet sein.

Doch ein Ende nun mit dieser linguistischen Analyse, meine Liebe liegt wohl der Sprache höchstselbst viel zu sehr zu Füßen, was mich vom wahren Kern der Dinge, dem Inhalt Eurer Anekdoten, fortführet.


So muss ich doch anmerken, dass Eure Geschichten mein Gemüt bewegten, ja, mir sogar einen - oder vielmehr einige - Schmunzler entlocken mussten; doch nichts bleiben sie für mich und die meinige Generation als Geschichten. Geschichten in der Gestalt einer Tragik-Komödie, die sich ein guter Geschichtenerzähler an einem regnerischen Tag erdachte; Geschichten, die vielleicht eine kurzlebige Katharsis und das flüchtige eigene Innehalten auslösen; Geschichten, nach deren Beendigung ein jeder erleichtert aufatmet und befreit erfasst, dass diese doch nur ersonnen seien, nichts Reales in ihnen lauere.

Wie muss sich eine ganze Generation doch schämen, dass ihnen die Periode von 1961 bis 1989 nicht näher steht als beispielsweise die NS-Zeit oder auch der erste Weltkrieg. Doch ebenso wie diese Exempla stellt das geteilte Deutschland für die Meinigen nicht mehr als ein Factum der Historie, eine verstaubte Seite in ihrem Lehrbuch dar, die nicht einmal aufgeschlagen, da die Gräueltaten Hitlers – wie es sich selbstverständlich auch geziemet – über Jahre in der Schule breitgetreten, die Seiten schon ganz ausgebleicht von den vielen Fingern tumber Schüler, die immer wieder und wieder sich belasen. Nun will ich mitnichten bestreiten, dass Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus und seine grausigen Folgen geleistet werden muss, doch ist es nach meinen eigenen Erfahrungen nicht der gescheiteste Weg, diese Thematik über Jahre beständig wiederaufzunehmen bis den Schülern jegliche Auseinandersetzung mit ihr verleidet ist. Dagegen werden andere Schlaglichter der deutschen Geschichte als regelrecht unwichtig erachtet, so die deutsche Teilung, welche in meinen Kursen ihr Höchstmaß an Beachtung im Themenfeld „Kalter Krieg“ erfuhr oder aber auch - und dies ist meinerseits eine äußerst merkwürdige Anekdote - in der ausladenden Erzählweise meines Politiklehrers, welcher selbst in der DDR aufwuchs und nicht davon ablassen will, sein durchaus umfangreiches Wissen über die sozialistische Verkaufsstrategie von Hollywoodschaukeln mit all seinen Mitmenschen zu teilen, ob diese nun begierig darauf seien oder nicht; und das ohne dabei in geringster Weise auf die Symbolträchtigkeit dieser westlichen „Luxusobjekte“ einzugehen.

 

Jedoch auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel, wie so oft im menschlichen Zusammenleben. So ist meine derzeitige Geschichtslehrerin enthusiastische Westdeutsche und trägt mit viel Elan ihre eigenen Kenntnisse und Erlebnisse vor und ist infolge dessen ein ums andere Mal  schwer getroffen wie wenig der jungen Generation doch über die nahe Vergangenheit bekannt ist. Auch sieht sie sich nicht in der Lage unsereins nachzuvollziehen, schließlich handelt es sich bei dieser Unkenntnis seltener um Unwissen über historische Begebenheiten als vielmehr des Unvermögens einen emotionalen Bezug zur Zerstückelung eines ganzen Staats und der innewohnenden Familien aufzubauen. Als Beispiel möchte ich eine Unterrichtsstunde anführen, in welcher sie voller Vergnügen eine – wie sie stolz schilderte – eigens für uns erstandene Originalaufnahme der Alexanderplatz-Demonstration vorspielte. Durch den Recorder erschallte  bald einmal Markus Wolf oder aber Steffie Spira, welche ihren Urenkeln ja bekanntermaßen eine Zeit ohne Fahnenappel wünschte. Wer weiß, ob sie heute erleichtert oder enttäuscht darüber wäre, dass der größte Anteil der Meinigen nicht einmal darüber aufgeklärt ist, was man unter besagtem Fahnenappel zu verstehen habe. Dies mochte vielleicht auch der Anstoß sein, weshalb ein Großteil meines Kurses in lautstarkes Gelächter ausbrach, da jegliche Reden doch mit den damals modischen Klängen untermalt wurden und viele Sprecher einen sächsischen Dialekt aufzeigten. Meine Lehrerin war entrüstet und ärgerlich, dass wir uns an einer doch ernstzunehmenden und zugegebenermaßen auch negativ besetzten Mundart belustigten, waren es doch Menschen diesen Dialektes, die aufgrund eines albernen Funklochs und eines dadurch bedingten Mangels an Informationen an die Grenze geschicket wurden um vielen abertausenden Menschen bei Kontrollen Furcht und Schrecken einzujagen.

Hier treffen nun also zwei Generationen aufeinander: zum einen die Zeitzeugengeneration und zum anderen die Nachfolgegeneration. Während die Zeitzeugengeneration noch ganz bewegt ist durch erlebte Bilder, kann die Nachfolgegeneration nicht mitempfinden. Dies gipfelt immer darin, dass erschütterte Zeitzeugen ihr Wissen an Kinder oder Lehrlinge weitergeben wollen, damit selbiges nicht noch einmal geschehe. Dann, durch Unverständnis oder gar Ablehnung niedergedrückt, geben sie auf. Drum sollte nicht allmählich losgelassen und die Mauer begraben werden? Nicht aus den Geschichtsbüchern gestrichen, sondern die verstaubte Seite endlich hervorgeholet und durchgelesen, ja endlich als Factum der Historie belassen als welcher er schon lange den Meinigen dienet. Denn eines Tages wird es jene Zeitzeugen nicht mehr geben, es wird die Zeit kommen in denen nur noch die Medien Einblick in die Trennung Deutschlands geben, so wie heute nur noch wenige Zeitzeugen existieren, welche den Nationalsozialismus miterlebet. Der Schulunterricht muss dieses Thema endlich vernünftig angehen, nicht immer voraussetzend, dass die Meinigen schon durch ihre Eltern unterrichtet seien, was wahrlich nicht der Fall ist. Aufklärungsarbeit muss hier geleistet werden, bevor die Zeitzeugengeneration alt geworden, damit unsereins nicht allein durch lebhafte Anekdoten wie der Euren belehrt wird, die ja sicherlich viel schöner zu lesen als die verstaubten Seiten sind, sondern auch ganz rational im Unterricht mit vielen Aufgaben des dritten Kompetenzbereiches. Eine ganze Generation muss sich vielleicht dafür schämen, dass ihr die Periode von 1961 bis 1989 nicht näher steht als beispielsweise die NS-Zeit oder auch der erste Weltkrieg, selbst verschuldet ist dieses Unglück jedoch selten. Vielmehr ist es der Lauf der Zeit, der stets Zeitzeugen und die Nachfolgenden entfremdet.

 

Geschichte wiederholt sich, wenn nicht hier in diesem unseren Lande, dann in einem anderen. Nun gilt es also diese Repetitio noch ein wenig zu verzögern.      


In Anbetracht meiner zeitlichen Kapazitäten werde ich es wohl bei diesem kurzen Beitrag belassen und mich Eurer weiteren Anregungen ein anderes Male bedienen, wollte ich Euch doch nicht in Ungewissheit lassen ob und wann ich mich Eurer Gedanken annehme.

Dennoch möchte ich Euch jemanden vorstellen, bevor ich diesen Eintrag beendige, jemanden auf den in der Jetzigkeit meine gesamte Liebe fällt, seit ich ihn vor einigen Tagen unter dem Einfluss Fortunas entdeckte. Die Rede ist von Plinius dem Jüngeren. Seine Aufzeichnungen zeigen heute noch eine Aktualität auf, die jeden im Herzen ergreifen muss und überdies hinaus sind seine Worte stilistisch wundervoll anzusehen.

Ich möchte also eine Zeile zitieren, die mich besonders anrührte: „Müßigsein ist besser als Nichtstun“. Welch sinniger Aphorismus! Und wie schwer doch ihn zu ertragen, wie schwer doch ihn zur eigenen Lebensweisheit zu erküren. Selbstverständlich ist zu beachten, dass Müßiggang zu Zeiten Plinius nicht mit Faulheit gleichzusetzen ist, sondern mit Studien, welche man im Privaten, Beschaulichen zur Sättigung des eigenen Wissensdurstes betrieb. Welch innerer Kampf es doch stetig ist sich diesem Müßiggang hinzugeben, prasseln immerhin Tag um Tag neue, angeblich viel wichtigere Aufgaben und Ämter auf uns ein. Hier versöhnt uns nun Plinius mit der Welt: Müßigsein ist besser als Nichtstun! Solle man endlich stolz sein, dass man sich bildet oder schreibt und weltliche Pflichten solle man beiseiteschieben, schließlich habe man ja nicht nichts gemacht.


Deswegen übersteht auch Ihr diese arbeitsreichen und schweren Tage, indem Ihr Euch bei jedweder Gelegenheit der Muße hingebt, schließlich darf sogar ein ausgebildeter Jurist einmal müßig sein.

Ergebenst,

Eure L.K.

 


14.11.09 13:39


Weltenbrand

Höchst verehrte L.,

 

mit großer Freude, im Herzen und noch mehr im Geiste tief berührt, habe ich Euren Text verschlungen. Es treffen hier, so scheint`s, zwei Seelen aufeinander,  deren Fähigkeiten, Gedankengänge und Reichtum an innerer Farbe sich - so ich hoffe ! - vortrefflich ergänzen könnten; auf der einen Seite der im Vergleich mit der Pracht Eurer Ausdrucksweise und dem Himalaya Eures Wissens eher im Schriftbild bieder anmutende Verfasser, auf der anderen Seite Ihr in Eurer gesegneten Hochgeistigkeit, an der zu orientieren mir Ansporn und Herausforderung sein soll. Während Ihr es vermögt, Zusammenhänge auf der geistigen Ebene klar und präzise herauszuarbeiten, so wird mir wohl am Ehesten hier noch die Rolle desjenigen zufallen, der seine Stärke auf dem Gebiet der menschlichen Emotionen und der Analyse derselben sieht, und diese gern in den Dienst unseres Schriftverkehrs stellen mag, wie es auch bereits unsere ersten Texte darzustellen vermögen.

 

Ich möchte mit dem Frischesten, ergo mit Euren letzten Worten, beginnen: Plinius der Jüngere ist mir in der Tat bekannt und genießt meine Verehrung, so ich doch zugeben muss, dass ich - meiner Eigenart entsprechend - insbesondere seine Deskription des Vesuv-Ausbruchs von 79 n. Chr. mit Ehrfurcht einst las. Dies kann sicher nicht stellvertretend in dem Sinne gelten, dass ich zum Ausdruck bringen könnte, sein Werk zu kennen; jedoch hat es - trotz möglicher Verfremdung durch die mir zugängliche Übersetzung - in mir den Eindruck erweckt, es hier mit einem weit über das Literarische hinaus begabten Denker zu tun zu haben, welches ich sehr schätzte und den Erfahrungsbericht noch lebendiger vor meinem geistigen Auge werden liess. Zu dem von Euch angeführten Zitat fiel mir als Erstes ein Anderes ein, möglicherweise unpassend im Sinn, aber assoziativ passend, um darzustellen, in welcher Hinsicht mich auch Plinius` Ausspruch derzeit zu lenken vermag: "Allein sein zu müssen ist das Schlimmste, allein sein zu können, das Schönste auf der Welt." Um Müßiggang im Plinischen Sinne betreiben zu können - was ohne jeden Zweifel eine Ehrung des menschlichen Geistes und nicht etwa liederlicher Umgang mit Zeit ist -, bedarf es meiner Erfahrung nach ein gewisses Maß an Freigeistigkeit, im Sinne der Fähigkeit, Kapazitäten für Neues freizuräumen und die Bereitschaft zu zeigen, sich vorwärtsblickend mit weiterführenden Ideen zu beschäftigen. Wem es je so geschehen, dass alltägliche Sorgen und Ängste, mitunter auch Vergangenes, derart aufs Gemüt schlagen, dass Seele, Geist und Herz samt und sonders in diesen - gerade nicht vorwärtsschauenden - Verstrickungen gefangen sind, der erlebt die Fähigkeit, sich Müßiggang leisten zu können, als schieren Luxus, den man sich zu leisten vermag allein, wenn andere Bereiche ausreichend bis hin zum eigenen Wohlbefinden geregelt scheinen. Dies impliziert in meiner Philosophie daher die These, dass, um Müßiggang im Plinischen Sinne betreiben zu können, bereits vorher der Mensch entweder gesegnet sein muss mit weitestgehender Sorglosigkeit, oder aber bereits vorher die schweißtreibende Arbeit erledigt haben muss, die es benötigt, um in diesen luxuriösen Zustand geraten zu können. In letzterem Fall wäre es also nicht nur ein falsches Verständnis des von Plinius gewählten Begriffs, sondern in der Tat sogar eine Beleidigung sondergleichen,  würde man dem Menschen, der so überhaupt erst aus sich selbst heraus, strebsam, diesen Zustand erkämpfte, als Nichtstuenden verteufeln.

 

Hinsichtlich Eurer These, Gewesenes als rein Vergangenes zu behandeln, Gewesenes gänzlich ruhen zu lassen oder doch zumindest in der Wichtigkeit deutlich minder häufig zu behandeln, bin ich zwiespältig, was ich jedoch nicht zuletzt - wie Ihr ja ebenfalls bereits anklingen liesset - auf die Tatsache gründe, dass ich, so damals noch ein Küken, zumindest in meiner vergangenen Schrift Behandeltes selbst bewusst erlebte, was Euch nicht vergönnt war. Wieviel mehr Einfluss noch muss für uns Beide nur aus Geschichten Bekanntes daher noch auf Menschen wirken, die geprägt wurden, beiderseits, durch die Existenz eines geteilten Deutschlands, durch das Erleben des Krieges und seiner Gräuel ? Und : ist es nicht gerechtfertigt, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, welches vielleicht nicht mehr in der Realität der Bilder, dafür umso mehr jedoch in der Realität der Biographien so präsent ist ?

Ich gebe Euch unumwunden Recht, dass in deutschen Klassenzimmern von je her ein großes Ungleichgewicht in geschichtlicher und politischer Lehre zugunsten der Jahre 1933-1945 herrscht; auch ich durfte mich in 7 Jahren gymnasialer Ausbildung allein 5 Jahre mit dieser Thematik in all ihren Facetten auseinander setzen. In der Tat konnte ich damals auch nicht verhehlen, dass es mir aufgrund der Faszination des Bösen nicht zuwider war; im Nachhinein bedaure ich oft, dass ich über 12 Jahre deutscher und globaler Geschichte mehr Wissen anhäufen durfte, als über die restlichen Tausende von Jahren der Menschheitsgeschichte. Heutzutage kommt hinzu, dass es keine verbindliche Einigung, ja, nicht einmal ein verbindlich allenthalben anerkanntes Lehrbuch zu den Jahren von 1945 bis heute gibt und geben kann - zu unterschiedlich und widerstreitend sind die Ansichten hüben wie drüben, und dürfen, müssen und können es meiner Ansicht nach auch zurecht sein. Es erscheint derart simpel für uns "Wessis", die DDR als Unrechtsregime darzustellen. In vielerlei Hinsicht, in essentiellen Fragen, muss man dies ohne jeden Zweifel bejahen. Und auch wenn der Satz "Es war ja nicht Alles schlecht" ein Totschlagargument sondergleichen ist, so darf auch nicht verhehlt werden im Rahmen einer neutralen Analyse, dass es dem einzelnen Menschen in der DDR grundsätzlich auch besser ergangen sein mag als in einem "freien" Gesamtdeutschland. Nur als Beispiel sei hier die Frage aufgeworfen, wieviel wert das Recht zur ungestraften Meinungsäußerung sein kann, wenn man arbeitslos ist und mit seiner Familie keine Zukunftsperspektive mehr hat ? Was dann bleibt, ist das verfasste Recht, sich darüber lauthals beschweren zu können - ein armseliger Ersatz angesichts der Tatsache, dass man seinem Kind nunmehr zwar rein politisch, nicht jedoch faktisch, die Welt zeigen könnte. Mich schockiert die Tatsache, dass junge Menschen, die die Gnade erlebten, die Teilung gar nicht miterlebt zu haben, heutzutage nicht einmal auf einer Karte einzuordnen vermögen, was Ost und was West war, wenn junge Leute nicht einmal in der Lage sind, zu beschreiben, warum Deutschland geteilt war, ja, nicht einmal diese Frage stellen im Zweifel. Eure Generation, werte L., ist die erste "geeinigte" Generation, eine Generation, die Unterschiede wohl tatsächlich nur am Dialekt festzumachen vermag, was auch in meinen Augen ein guter Weg ist. Jedoch werden noch 50-70 Jahre Millionen von Menschen existieren, die geprägt sind in Ihrem Werdegang mit der Teilung, Menschen, mit denen sich Eure Generation auseinander setzen werden muss. Und all jenes beschreibt dabei nur die innere Seite; höchst fahrlässig habe ich hierbei noch unterlassen zu erwähnen, dass die Teilung von höchster Stelle weiterhin durch Solidaritätspakt und unterschiedliche Löhne aufrechterhalten wird, was wiederum auch in Eurer Generation das Bewußtseins der Unterschiedlichkeit weiter fördert.

 

Für die Menschen des Jahres 79 n. Chr., wie auch für die Menschen des Jahres 1989, stellten sich die damaligen Erlebnisse quasi als Weltenbrand dar. Ging es damals im Römischen Reich um die größte Naturkatastrophe mit nie geahnten, durchweg schrecklichen Folgen für Land und Leute, so war 1989 auch ein nie erhoffter Glücksfall für viele Menschen - Beides waren es prägende, auch traumatische, nie zu vergessende Erlebnisse. Auch 1989 stellte sich für viele Menschen, im Stillen, nicht in der Weltpresse, als Katastrophe dar. Ohne nunmehr auf eine Diskussion zur Gerechtigkeit hinauszuwollen - nichts liegt mir derzeit ferner -: man versetze sich in die Lage junger aufstrebender Menschen, in der DDR sozialisiert, auf dem Weg in ein geplantes, geordnetes Leben, welche nunmehr vor dem Trümmerhaufen Ihrer Existenz standen. Hierzu darf ich eine Anekdote erzählen, die mich damals, als ich sie vernahm, zunächst wie alle Umstehenden zum herzlichen Lachen brachte, in der Nachbetrachtung mich aber oft mit Kopfschütteln zurückliess, da hier eine Thematik auftauchte, die sich mir, gelegentlich in meinem Nichtstun zur Oberflächlichkeit neigend, nie aufgedrängt hatte. Als ich selbst noch ein blutjunger Student der Rechtswissenschaften war, hatte ich die auch heute noch so empfundene große Ehre, bei Herrn Prof. Dr. Uwe Wesel Rechtsgeschichte hören zu dürfen. Herr Wesel war und ist an der FU eine streitbare Persönlichkeit mit nicht ganz unbeflecktem Werdegang, in meiner Eigenwahrnehmung jedoch einer der letzten großen Lehrmeister und sicher damals der einzige Professor, von dem ich mehr mitnahm, als die bloßen Zitatlisten. Sei es, wie es sei: Herr Wesel erzählte uns, wie es 1989/1990 dazu kam, dass man auf einmal feststellte, dass in Ost-Berlin, an der Humboldt-Universität, wackere DDR-Jurastudenten in ihrem Abgangsjahr waren, kurz vor der Staatsprüfung. Man stellte sich die berechtigte Frage, was man mit diesen unglückseligen Geschöpfen tun sollte, für die man ganz gewiss nach einem Abschluss in DDR-Recht nirgendwo mehr Verwendung haben würde. Man beschloss abkömmliche westdeutsche Jura-Professoren in eiliger Demission hinüber zu schicken, um diesen Kandidaten quasi im Eiltempo bundesdeutsches Recht beizubringen. Herr Wesel beschrieb bereits sehr humoresk, welch große Augen ihn anblickten, als er - in seiner Eigenschaft als Professor für Bürgerliches Recht - den Studenten eine Bücherliste mit verschiedenen Lehrwerken anempfahl. In der DDR hatte es als zentralistisch geführtem und ideologisch durchorganisierten Staat selbstverständlich nur ein Lehrbuch für jedes Fach gegeben. Viel bewegender war für mich jedoch Folgendes, was ich hier, so gut ich es noch vermag, in den Worten von Hr. Wesel wiedergeben möchte: "Ich begab mich also in der ersten Woche täglich in den großen Hörsaal. Ganz im Gegensatz zu meinen Erlebnissen an der FU war hier jeder Platz zur vollen Stunde besetzt. Beschäftigt mit der Materie an sich, fiel mir erst mit zunehmender Dauer der Woche auf, dass nie ein Student zu spät erschien, nie ein Platz leer blieb, nie ein Student vor Ablauf der Vorlesung den Saal verliess. Am Freitag in der ersten Woche erschien eine junge Studentin in meinem Büro. Sie bat mich, offensichtlich unter großer Angst, ob sie am Montag der kommenden Woche etwas später erscheinen dürfe, da sie zu Hause helfen müßte - die Heizkohle würde geliefert werden. Ich erlaubte dies selbstverständlich, aber eine Erkenntnis machte sich breit. Ich begab mich also in der Vorlesung desselben Tages an mein Katheder und teilte der gesamten Studentenschaft mit, dass die Teilnahme an Vorlesungen keine Pflicht, sondern ein Angebot sei. Wer nicht teilnehmen wolle oder könne, der dürfe selbstverständlich fernbleiben. Daraufhin waren am Montag exakt 4 Studenten im Saal. Am Dienstag waren alle wieder da, aber - so testeten ostdeutsche Jura-Studenten damals die Freiheit. Für mich war und ist es bis heute mein einziger wirklicher pädagogischer Erfolg gewesen."

 

Verehrte L., so viele Themen harren darauf, mit Euch und Euren Gedanken hierzu besprochen zu werden. Ich muss mich selbst bremsen, damit ich Euch nicht mit zu vielen Themen überschütte, also mag ich es heute hierbei bewenden lassen. 

 

Ich giere nach neuen Zeilen aus Eurer virtuellen Feder, und verbleibe bis dahin in tiefer Hochachtung Eures Intellekts

 

Euer,

C.

14.11.09 17:42





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