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     C.H.
     L.K.






Von Mauern und Literaten

Geschätzter C.,

welch Genuss an diesen Euren Anekdoten teilhaben zu dürfen, zeichnen sie sich doch nicht nur durch einen gewissen geschichtshistorischen Wert aus, sondern auch durch eine Spitzfindigkeit sowohl im Bezug auf das menschliche Miteinander als auch auf die Scharfzüngigkeit derjenigen Tastatur, welcher sie entsprungen. Schließlich – auf diesem Wege versinnbildlichte bereits Lessing die Ironie und den gescheiten Hohn in den Worten Gonzagas – ist ein schöner Mund, der sich ein wenig spöttisch verziehet, nicht selten um ein Vielfaches noch schöner. Auch, so sagt der Prinz, müssen Augen diesen Spötter überwachen; drum will eine jede Geschichte, vom Autor selbst in Eigenreflexion mit Spöttelblick und Hohnmund vorgetragen, dadurch noch reicher gekleidet sein.

Doch ein Ende nun mit dieser linguistischen Analyse, meine Liebe liegt wohl der Sprache höchstselbst viel zu sehr zu Füßen, was mich vom wahren Kern der Dinge, dem Inhalt Eurer Anekdoten, fortführet.


So muss ich doch anmerken, dass Eure Geschichten mein Gemüt bewegten, ja, mir sogar einen - oder vielmehr einige - Schmunzler entlocken mussten; doch nichts bleiben sie für mich und die meinige Generation als Geschichten. Geschichten in der Gestalt einer Tragik-Komödie, die sich ein guter Geschichtenerzähler an einem regnerischen Tag erdachte; Geschichten, die vielleicht eine kurzlebige Katharsis und das flüchtige eigene Innehalten auslösen; Geschichten, nach deren Beendigung ein jeder erleichtert aufatmet und befreit erfasst, dass diese doch nur ersonnen seien, nichts Reales in ihnen lauere.

Wie muss sich eine ganze Generation doch schämen, dass ihnen die Periode von 1961 bis 1989 nicht näher steht als beispielsweise die NS-Zeit oder auch der erste Weltkrieg. Doch ebenso wie diese Exempla stellt das geteilte Deutschland für die Meinigen nicht mehr als ein Factum der Historie, eine verstaubte Seite in ihrem Lehrbuch dar, die nicht einmal aufgeschlagen, da die Gräueltaten Hitlers – wie es sich selbstverständlich auch geziemet – über Jahre in der Schule breitgetreten, die Seiten schon ganz ausgebleicht von den vielen Fingern tumber Schüler, die immer wieder und wieder sich belasen. Nun will ich mitnichten bestreiten, dass Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus und seine grausigen Folgen geleistet werden muss, doch ist es nach meinen eigenen Erfahrungen nicht der gescheiteste Weg, diese Thematik über Jahre beständig wiederaufzunehmen bis den Schülern jegliche Auseinandersetzung mit ihr verleidet ist. Dagegen werden andere Schlaglichter der deutschen Geschichte als regelrecht unwichtig erachtet, so die deutsche Teilung, welche in meinen Kursen ihr Höchstmaß an Beachtung im Themenfeld „Kalter Krieg“ erfuhr oder aber auch - und dies ist meinerseits eine äußerst merkwürdige Anekdote - in der ausladenden Erzählweise meines Politiklehrers, welcher selbst in der DDR aufwuchs und nicht davon ablassen will, sein durchaus umfangreiches Wissen über die sozialistische Verkaufsstrategie von Hollywoodschaukeln mit all seinen Mitmenschen zu teilen, ob diese nun begierig darauf seien oder nicht; und das ohne dabei in geringster Weise auf die Symbolträchtigkeit dieser westlichen „Luxusobjekte“ einzugehen.

 

Jedoch auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel, wie so oft im menschlichen Zusammenleben. So ist meine derzeitige Geschichtslehrerin enthusiastische Westdeutsche und trägt mit viel Elan ihre eigenen Kenntnisse und Erlebnisse vor und ist infolge dessen ein ums andere Mal  schwer getroffen wie wenig der jungen Generation doch über die nahe Vergangenheit bekannt ist. Auch sieht sie sich nicht in der Lage unsereins nachzuvollziehen, schließlich handelt es sich bei dieser Unkenntnis seltener um Unwissen über historische Begebenheiten als vielmehr des Unvermögens einen emotionalen Bezug zur Zerstückelung eines ganzen Staats und der innewohnenden Familien aufzubauen. Als Beispiel möchte ich eine Unterrichtsstunde anführen, in welcher sie voller Vergnügen eine – wie sie stolz schilderte – eigens für uns erstandene Originalaufnahme der Alexanderplatz-Demonstration vorspielte. Durch den Recorder erschallte  bald einmal Markus Wolf oder aber Steffie Spira, welche ihren Urenkeln ja bekanntermaßen eine Zeit ohne Fahnenappel wünschte. Wer weiß, ob sie heute erleichtert oder enttäuscht darüber wäre, dass der größte Anteil der Meinigen nicht einmal darüber aufgeklärt ist, was man unter besagtem Fahnenappel zu verstehen habe. Dies mochte vielleicht auch der Anstoß sein, weshalb ein Großteil meines Kurses in lautstarkes Gelächter ausbrach, da jegliche Reden doch mit den damals modischen Klängen untermalt wurden und viele Sprecher einen sächsischen Dialekt aufzeigten. Meine Lehrerin war entrüstet und ärgerlich, dass wir uns an einer doch ernstzunehmenden und zugegebenermaßen auch negativ besetzten Mundart belustigten, waren es doch Menschen diesen Dialektes, die aufgrund eines albernen Funklochs und eines dadurch bedingten Mangels an Informationen an die Grenze geschicket wurden um vielen abertausenden Menschen bei Kontrollen Furcht und Schrecken einzujagen.

Hier treffen nun also zwei Generationen aufeinander: zum einen die Zeitzeugengeneration und zum anderen die Nachfolgegeneration. Während die Zeitzeugengeneration noch ganz bewegt ist durch erlebte Bilder, kann die Nachfolgegeneration nicht mitempfinden. Dies gipfelt immer darin, dass erschütterte Zeitzeugen ihr Wissen an Kinder oder Lehrlinge weitergeben wollen, damit selbiges nicht noch einmal geschehe. Dann, durch Unverständnis oder gar Ablehnung niedergedrückt, geben sie auf. Drum sollte nicht allmählich losgelassen und die Mauer begraben werden? Nicht aus den Geschichtsbüchern gestrichen, sondern die verstaubte Seite endlich hervorgeholet und durchgelesen, ja endlich als Factum der Historie belassen als welcher er schon lange den Meinigen dienet. Denn eines Tages wird es jene Zeitzeugen nicht mehr geben, es wird die Zeit kommen in denen nur noch die Medien Einblick in die Trennung Deutschlands geben, so wie heute nur noch wenige Zeitzeugen existieren, welche den Nationalsozialismus miterlebet. Der Schulunterricht muss dieses Thema endlich vernünftig angehen, nicht immer voraussetzend, dass die Meinigen schon durch ihre Eltern unterrichtet seien, was wahrlich nicht der Fall ist. Aufklärungsarbeit muss hier geleistet werden, bevor die Zeitzeugengeneration alt geworden, damit unsereins nicht allein durch lebhafte Anekdoten wie der Euren belehrt wird, die ja sicherlich viel schöner zu lesen als die verstaubten Seiten sind, sondern auch ganz rational im Unterricht mit vielen Aufgaben des dritten Kompetenzbereiches. Eine ganze Generation muss sich vielleicht dafür schämen, dass ihr die Periode von 1961 bis 1989 nicht näher steht als beispielsweise die NS-Zeit oder auch der erste Weltkrieg, selbst verschuldet ist dieses Unglück jedoch selten. Vielmehr ist es der Lauf der Zeit, der stets Zeitzeugen und die Nachfolgenden entfremdet.

 

Geschichte wiederholt sich, wenn nicht hier in diesem unseren Lande, dann in einem anderen. Nun gilt es also diese Repetitio noch ein wenig zu verzögern.      


In Anbetracht meiner zeitlichen Kapazitäten werde ich es wohl bei diesem kurzen Beitrag belassen und mich Eurer weiteren Anregungen ein anderes Male bedienen, wollte ich Euch doch nicht in Ungewissheit lassen ob und wann ich mich Eurer Gedanken annehme.

Dennoch möchte ich Euch jemanden vorstellen, bevor ich diesen Eintrag beendige, jemanden auf den in der Jetzigkeit meine gesamte Liebe fällt, seit ich ihn vor einigen Tagen unter dem Einfluss Fortunas entdeckte. Die Rede ist von Plinius dem Jüngeren. Seine Aufzeichnungen zeigen heute noch eine Aktualität auf, die jeden im Herzen ergreifen muss und überdies hinaus sind seine Worte stilistisch wundervoll anzusehen.

Ich möchte also eine Zeile zitieren, die mich besonders anrührte: „Müßigsein ist besser als Nichtstun“. Welch sinniger Aphorismus! Und wie schwer doch ihn zu ertragen, wie schwer doch ihn zur eigenen Lebensweisheit zu erküren. Selbstverständlich ist zu beachten, dass Müßiggang zu Zeiten Plinius nicht mit Faulheit gleichzusetzen ist, sondern mit Studien, welche man im Privaten, Beschaulichen zur Sättigung des eigenen Wissensdurstes betrieb. Welch innerer Kampf es doch stetig ist sich diesem Müßiggang hinzugeben, prasseln immerhin Tag um Tag neue, angeblich viel wichtigere Aufgaben und Ämter auf uns ein. Hier versöhnt uns nun Plinius mit der Welt: Müßigsein ist besser als Nichtstun! Solle man endlich stolz sein, dass man sich bildet oder schreibt und weltliche Pflichten solle man beiseiteschieben, schließlich habe man ja nicht nichts gemacht.


Deswegen übersteht auch Ihr diese arbeitsreichen und schweren Tage, indem Ihr Euch bei jedweder Gelegenheit der Muße hingebt, schließlich darf sogar ein ausgebildeter Jurist einmal müßig sein.

Ergebenst,

Eure L.K.

 


14.11.09 13:39
 


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