Die Gedanken sind frei.

 

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Abonnieren



* mehr
     C.H.
     L.K.






Weltenbrand

Höchst verehrte L.,

 

mit großer Freude, im Herzen und noch mehr im Geiste tief berührt, habe ich Euren Text verschlungen. Es treffen hier, so scheint`s, zwei Seelen aufeinander,  deren Fähigkeiten, Gedankengänge und Reichtum an innerer Farbe sich - so ich hoffe ! - vortrefflich ergänzen könnten; auf der einen Seite der im Vergleich mit der Pracht Eurer Ausdrucksweise und dem Himalaya Eures Wissens eher im Schriftbild bieder anmutende Verfasser, auf der anderen Seite Ihr in Eurer gesegneten Hochgeistigkeit, an der zu orientieren mir Ansporn und Herausforderung sein soll. Während Ihr es vermögt, Zusammenhänge auf der geistigen Ebene klar und präzise herauszuarbeiten, so wird mir wohl am Ehesten hier noch die Rolle desjenigen zufallen, der seine Stärke auf dem Gebiet der menschlichen Emotionen und der Analyse derselben sieht, und diese gern in den Dienst unseres Schriftverkehrs stellen mag, wie es auch bereits unsere ersten Texte darzustellen vermögen.

 

Ich möchte mit dem Frischesten, ergo mit Euren letzten Worten, beginnen: Plinius der Jüngere ist mir in der Tat bekannt und genießt meine Verehrung, so ich doch zugeben muss, dass ich - meiner Eigenart entsprechend - insbesondere seine Deskription des Vesuv-Ausbruchs von 79 n. Chr. mit Ehrfurcht einst las. Dies kann sicher nicht stellvertretend in dem Sinne gelten, dass ich zum Ausdruck bringen könnte, sein Werk zu kennen; jedoch hat es - trotz möglicher Verfremdung durch die mir zugängliche Übersetzung - in mir den Eindruck erweckt, es hier mit einem weit über das Literarische hinaus begabten Denker zu tun zu haben, welches ich sehr schätzte und den Erfahrungsbericht noch lebendiger vor meinem geistigen Auge werden liess. Zu dem von Euch angeführten Zitat fiel mir als Erstes ein Anderes ein, möglicherweise unpassend im Sinn, aber assoziativ passend, um darzustellen, in welcher Hinsicht mich auch Plinius` Ausspruch derzeit zu lenken vermag: "Allein sein zu müssen ist das Schlimmste, allein sein zu können, das Schönste auf der Welt." Um Müßiggang im Plinischen Sinne betreiben zu können - was ohne jeden Zweifel eine Ehrung des menschlichen Geistes und nicht etwa liederlicher Umgang mit Zeit ist -, bedarf es meiner Erfahrung nach ein gewisses Maß an Freigeistigkeit, im Sinne der Fähigkeit, Kapazitäten für Neues freizuräumen und die Bereitschaft zu zeigen, sich vorwärtsblickend mit weiterführenden Ideen zu beschäftigen. Wem es je so geschehen, dass alltägliche Sorgen und Ängste, mitunter auch Vergangenes, derart aufs Gemüt schlagen, dass Seele, Geist und Herz samt und sonders in diesen - gerade nicht vorwärtsschauenden - Verstrickungen gefangen sind, der erlebt die Fähigkeit, sich Müßiggang leisten zu können, als schieren Luxus, den man sich zu leisten vermag allein, wenn andere Bereiche ausreichend bis hin zum eigenen Wohlbefinden geregelt scheinen. Dies impliziert in meiner Philosophie daher die These, dass, um Müßiggang im Plinischen Sinne betreiben zu können, bereits vorher der Mensch entweder gesegnet sein muss mit weitestgehender Sorglosigkeit, oder aber bereits vorher die schweißtreibende Arbeit erledigt haben muss, die es benötigt, um in diesen luxuriösen Zustand geraten zu können. In letzterem Fall wäre es also nicht nur ein falsches Verständnis des von Plinius gewählten Begriffs, sondern in der Tat sogar eine Beleidigung sondergleichen,  würde man dem Menschen, der so überhaupt erst aus sich selbst heraus, strebsam, diesen Zustand erkämpfte, als Nichtstuenden verteufeln.

 

Hinsichtlich Eurer These, Gewesenes als rein Vergangenes zu behandeln, Gewesenes gänzlich ruhen zu lassen oder doch zumindest in der Wichtigkeit deutlich minder häufig zu behandeln, bin ich zwiespältig, was ich jedoch nicht zuletzt - wie Ihr ja ebenfalls bereits anklingen liesset - auf die Tatsache gründe, dass ich, so damals noch ein Küken, zumindest in meiner vergangenen Schrift Behandeltes selbst bewusst erlebte, was Euch nicht vergönnt war. Wieviel mehr Einfluss noch muss für uns Beide nur aus Geschichten Bekanntes daher noch auf Menschen wirken, die geprägt wurden, beiderseits, durch die Existenz eines geteilten Deutschlands, durch das Erleben des Krieges und seiner Gräuel ? Und : ist es nicht gerechtfertigt, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, welches vielleicht nicht mehr in der Realität der Bilder, dafür umso mehr jedoch in der Realität der Biographien so präsent ist ?

Ich gebe Euch unumwunden Recht, dass in deutschen Klassenzimmern von je her ein großes Ungleichgewicht in geschichtlicher und politischer Lehre zugunsten der Jahre 1933-1945 herrscht; auch ich durfte mich in 7 Jahren gymnasialer Ausbildung allein 5 Jahre mit dieser Thematik in all ihren Facetten auseinander setzen. In der Tat konnte ich damals auch nicht verhehlen, dass es mir aufgrund der Faszination des Bösen nicht zuwider war; im Nachhinein bedaure ich oft, dass ich über 12 Jahre deutscher und globaler Geschichte mehr Wissen anhäufen durfte, als über die restlichen Tausende von Jahren der Menschheitsgeschichte. Heutzutage kommt hinzu, dass es keine verbindliche Einigung, ja, nicht einmal ein verbindlich allenthalben anerkanntes Lehrbuch zu den Jahren von 1945 bis heute gibt und geben kann - zu unterschiedlich und widerstreitend sind die Ansichten hüben wie drüben, und dürfen, müssen und können es meiner Ansicht nach auch zurecht sein. Es erscheint derart simpel für uns "Wessis", die DDR als Unrechtsregime darzustellen. In vielerlei Hinsicht, in essentiellen Fragen, muss man dies ohne jeden Zweifel bejahen. Und auch wenn der Satz "Es war ja nicht Alles schlecht" ein Totschlagargument sondergleichen ist, so darf auch nicht verhehlt werden im Rahmen einer neutralen Analyse, dass es dem einzelnen Menschen in der DDR grundsätzlich auch besser ergangen sein mag als in einem "freien" Gesamtdeutschland. Nur als Beispiel sei hier die Frage aufgeworfen, wieviel wert das Recht zur ungestraften Meinungsäußerung sein kann, wenn man arbeitslos ist und mit seiner Familie keine Zukunftsperspektive mehr hat ? Was dann bleibt, ist das verfasste Recht, sich darüber lauthals beschweren zu können - ein armseliger Ersatz angesichts der Tatsache, dass man seinem Kind nunmehr zwar rein politisch, nicht jedoch faktisch, die Welt zeigen könnte. Mich schockiert die Tatsache, dass junge Menschen, die die Gnade erlebten, die Teilung gar nicht miterlebt zu haben, heutzutage nicht einmal auf einer Karte einzuordnen vermögen, was Ost und was West war, wenn junge Leute nicht einmal in der Lage sind, zu beschreiben, warum Deutschland geteilt war, ja, nicht einmal diese Frage stellen im Zweifel. Eure Generation, werte L., ist die erste "geeinigte" Generation, eine Generation, die Unterschiede wohl tatsächlich nur am Dialekt festzumachen vermag, was auch in meinen Augen ein guter Weg ist. Jedoch werden noch 50-70 Jahre Millionen von Menschen existieren, die geprägt sind in Ihrem Werdegang mit der Teilung, Menschen, mit denen sich Eure Generation auseinander setzen werden muss. Und all jenes beschreibt dabei nur die innere Seite; höchst fahrlässig habe ich hierbei noch unterlassen zu erwähnen, dass die Teilung von höchster Stelle weiterhin durch Solidaritätspakt und unterschiedliche Löhne aufrechterhalten wird, was wiederum auch in Eurer Generation das Bewußtseins der Unterschiedlichkeit weiter fördert.

 

Für die Menschen des Jahres 79 n. Chr., wie auch für die Menschen des Jahres 1989, stellten sich die damaligen Erlebnisse quasi als Weltenbrand dar. Ging es damals im Römischen Reich um die größte Naturkatastrophe mit nie geahnten, durchweg schrecklichen Folgen für Land und Leute, so war 1989 auch ein nie erhoffter Glücksfall für viele Menschen - Beides waren es prägende, auch traumatische, nie zu vergessende Erlebnisse. Auch 1989 stellte sich für viele Menschen, im Stillen, nicht in der Weltpresse, als Katastrophe dar. Ohne nunmehr auf eine Diskussion zur Gerechtigkeit hinauszuwollen - nichts liegt mir derzeit ferner -: man versetze sich in die Lage junger aufstrebender Menschen, in der DDR sozialisiert, auf dem Weg in ein geplantes, geordnetes Leben, welche nunmehr vor dem Trümmerhaufen Ihrer Existenz standen. Hierzu darf ich eine Anekdote erzählen, die mich damals, als ich sie vernahm, zunächst wie alle Umstehenden zum herzlichen Lachen brachte, in der Nachbetrachtung mich aber oft mit Kopfschütteln zurückliess, da hier eine Thematik auftauchte, die sich mir, gelegentlich in meinem Nichtstun zur Oberflächlichkeit neigend, nie aufgedrängt hatte. Als ich selbst noch ein blutjunger Student der Rechtswissenschaften war, hatte ich die auch heute noch so empfundene große Ehre, bei Herrn Prof. Dr. Uwe Wesel Rechtsgeschichte hören zu dürfen. Herr Wesel war und ist an der FU eine streitbare Persönlichkeit mit nicht ganz unbeflecktem Werdegang, in meiner Eigenwahrnehmung jedoch einer der letzten großen Lehrmeister und sicher damals der einzige Professor, von dem ich mehr mitnahm, als die bloßen Zitatlisten. Sei es, wie es sei: Herr Wesel erzählte uns, wie es 1989/1990 dazu kam, dass man auf einmal feststellte, dass in Ost-Berlin, an der Humboldt-Universität, wackere DDR-Jurastudenten in ihrem Abgangsjahr waren, kurz vor der Staatsprüfung. Man stellte sich die berechtigte Frage, was man mit diesen unglückseligen Geschöpfen tun sollte, für die man ganz gewiss nach einem Abschluss in DDR-Recht nirgendwo mehr Verwendung haben würde. Man beschloss abkömmliche westdeutsche Jura-Professoren in eiliger Demission hinüber zu schicken, um diesen Kandidaten quasi im Eiltempo bundesdeutsches Recht beizubringen. Herr Wesel beschrieb bereits sehr humoresk, welch große Augen ihn anblickten, als er - in seiner Eigenschaft als Professor für Bürgerliches Recht - den Studenten eine Bücherliste mit verschiedenen Lehrwerken anempfahl. In der DDR hatte es als zentralistisch geführtem und ideologisch durchorganisierten Staat selbstverständlich nur ein Lehrbuch für jedes Fach gegeben. Viel bewegender war für mich jedoch Folgendes, was ich hier, so gut ich es noch vermag, in den Worten von Hr. Wesel wiedergeben möchte: "Ich begab mich also in der ersten Woche täglich in den großen Hörsaal. Ganz im Gegensatz zu meinen Erlebnissen an der FU war hier jeder Platz zur vollen Stunde besetzt. Beschäftigt mit der Materie an sich, fiel mir erst mit zunehmender Dauer der Woche auf, dass nie ein Student zu spät erschien, nie ein Platz leer blieb, nie ein Student vor Ablauf der Vorlesung den Saal verliess. Am Freitag in der ersten Woche erschien eine junge Studentin in meinem Büro. Sie bat mich, offensichtlich unter großer Angst, ob sie am Montag der kommenden Woche etwas später erscheinen dürfe, da sie zu Hause helfen müßte - die Heizkohle würde geliefert werden. Ich erlaubte dies selbstverständlich, aber eine Erkenntnis machte sich breit. Ich begab mich also in der Vorlesung desselben Tages an mein Katheder und teilte der gesamten Studentenschaft mit, dass die Teilnahme an Vorlesungen keine Pflicht, sondern ein Angebot sei. Wer nicht teilnehmen wolle oder könne, der dürfe selbstverständlich fernbleiben. Daraufhin waren am Montag exakt 4 Studenten im Saal. Am Dienstag waren alle wieder da, aber - so testeten ostdeutsche Jura-Studenten damals die Freiheit. Für mich war und ist es bis heute mein einziger wirklicher pädagogischer Erfolg gewesen."

 

Verehrte L., so viele Themen harren darauf, mit Euch und Euren Gedanken hierzu besprochen zu werden. Ich muss mich selbst bremsen, damit ich Euch nicht mit zu vielen Themen überschütte, also mag ich es heute hierbei bewenden lassen. 

 

Ich giere nach neuen Zeilen aus Eurer virtuellen Feder, und verbleibe bis dahin in tiefer Hochachtung Eures Intellekts

 

Euer,

C.

14.11.09 17:42
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung